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Aufrecht gehn, den Himmel sehn

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8. Dezember

Der Heilige Patapios von Theben, Ein­sied­ler, Mönch

Der ein­fach Glau­ben­de (griech.)

 

* 380 in The­ben, heute Rui­nen bei Al-Uq­sur/Ägyp­ten

† 463 in Kon­stan­ti­no­pel, heute Ístan­bul in der Tür­kei

Patapios, ein Christ aus Ägypten, war  Sohn des Thebener Gouverneurs und kundig in Naturwissenschaften, Philosophie und Rhetorik. Er wählte die Askese als Lebensform und heilte viele Menschen, die zu ihm pilgerten. Seine gut erhaltene Mumie befindet sich im heutigen Patapios-Kloster bei Loutraki.

Dass jemand berühmt wird, der heilt, gilt wohl bis in unsere heutige Zeit. Ich erinnere mich zum Beispiel an Christiaan Barnard, dem es gelang, das erste Herz zu transplantieren. Heute ist diese Art von Eingriff wahrscheinlich Standard und bedarf kaum noch einer Erwähnung.

Auch von Patapios wissen wir nicht, ob seine Bestimmung zu Heilen einer göttlichen Wunderkraft oder seinen wissenschaftlichen Fähigkeiten geschuldet war. Doch das ist zweitrangig. Bis heute sagt man landläufig: Wer heilt, hat Recht. 

Bis zum Bersten voll war Theos Praxis, als er sie an diesem Samstagmorgen, dem letzten vor Weihnachten, betrat. Samstag und wieder einmal kein freier Tag für Theo. Viele andere Kollegen gingen bereits donnerstags ins Wochenende und kaum jemand kam auf die Idee, noch am Samstag seine Räumlichkeiten für Patienten zu öffnen. Theo aber blieb nichts anderes übrig. Seine Praxis lag in einem gutsituierten Wohngebiet, doch seine Samstagspatienten, wie er sie nannte, waren ausnahmslos Obdachlose, Leute aus armen Familien, die ohne Krankenkasse woanders keine Hilfe fanden. Und den Unterschied zu seinem eigentlichen Klientel kannte nicht nur Theo; man konnte ihn bei den meisten auch deutlich sehen. 

Hätten sich andere Patienten das Wartezimmer mit all den gesellschaftlich Ausgegrenzten teilen müssen, würde er wohl selbst längst am Hungertuch nagen. 

Und noch etwas war anders an ihnen. Als Theo die Tür öffnete, schallte ihm ein vielstimmiges, freundliches "Guten Morgen, Dr. Theo!" entgegen. Seine Wochentagspatienten pflegten hingegen nur huldvoll zu nicken, wenn sie ihn beim Betreten der Praxis sahen. Kaum jemand hauchte mehr als ein geflüstertes "Guten Tag!", blickte nach rechts und links, bevor die Blickrichtung zum teuren Magazin zurückfiel, das auf den Schößen der meisten lag. Auch mit dem Sitznachbarn wurde kein Wort gewechselt. Dabei kannte man sich wahrscheinlich gut.

 

Die Samstagspatienten wechselten oft, kannte einander kaum, weil sie aus dem gesamten Stadtgebiet herkamen. Theo war der einzige Mediziner, der auch ohne Krankenschein tätig wurde. Und niemand hier kam aus Langeweile oder Müßiggang, sondern weil sie Schmerzen hatten, unter einer echten Krankheit litten oder ganz einfach so einsam waren, dass Gespräche mit Theo und den anderen Patienten das Highlight des Wochenendes waren. Auch Einsamkeit machte schließlich krank. Wenn man den Sitznachbarn dann nicht kannte, war das umso netter, denn der kannte ja auch die Krankengeschichte nicht. Da hörte man einander auf jeden Fall aufmerksam zu. 

Biene, die Assistentin, ließ es sich nie nehmen, auch am Samstag Dienst mit dem Doc zu tun, wie sie ihn nannte. Sie mochte das leise Getuschel der Menschen, die jede Minute mit den anderen Wartenden genossen, weil sie nicht allein waren. Von ihnen beschwerte sich nie jemand, wenn es zu lange dauerte. Heute kam ihr die Geräuschkulisse aber vor sie in einem dicht besiedelten Bienenkorb. Irgendetwas war anders, aber sie konnte nicht ergründen, woran das lag. 

 

Der erste Fall war die Mandelentzündung eines Mannes, der die meiste Zeit auf der Straße verbrachte. Zwar hatte er eine Wohnung, aber es trieb ihn trotzdem nach draußen an die frische Luft, denn sein Appartement war abgewohnt und verschimmelt. Den Hauseigentümer störte das nicht -  das Jobcenter zahlte die Miete ungesehen.

 "Das mit Ihren Mandeln wird langsam kritisch.", erklärte Theo ihm. "Die Entzündung dauert einfach schon zu lange. Ich würde Sie lieber einweisen, damit ihr Herz nicht darunter leidet." 

"Das geht nicht, Herr Doktor. Das wissen Sie doch. Wenn ich versichert wäre, wäre das etwas anderes. Aber so? Wovon soll ich das denn zahlen?" Der Mann schüttelte vehement den Kopf.

"Dann versprechen Sie mir, dass Sie ein paar Tage innerhalb Ihrer Wohnung bleiben und sich wirklich ausruhen." Der Blick, den Theo erntete, ließ die nötige Begeisterung über die Anweisung vermissen, aber der Mann würde auf ihn hören. Das taten sie eigentlich alle. 

 

Eine junge Frau betrat mit einem etwa dreijährigen Kind das Sprechzimmer. Der Kleine hatte dicke entzündete Wangen und trug einen Schal um den Kopf gewickelt.

"Mumps, das sehe ich auch ohne Untersuchung." Theo ärgerte sich, dass nicht versicherten Menschen auch der Impfschutz versagt blieb. Da, wo es einen Zahlungsträger gab, wurde der lückenlose Besuch der Vorsorgeuntersuchungen vom Amt mit Argusaugen überwacht. 

Der Kleine erhielt die nötigen Medikamente aus Theos Schrank. Einige seiner bessergestellten Patienten gaben manchmal nicht genutzte Packungen an ihn zurück. Die waren schon bezahlt und Theo gab sie unter der Hand weiter - mit einem Bein wahrscheinlich immer im Knast. 

 

So reihten sich an diesem Vormittag etwa dreißig Patienten aneinander, gaben sich die Klinke in die Hand und gingen versorgt, getröstet und gestärkt aus der Praxis in ihr nicht ganz so einfaches Leben zurück. Als die Praxis leer war, schloss Biene die Tür ab und setzte sich auf die andere Seite des Schreibtisches. 

"Lust auf einen Kaffee, Doc?", fragte sie.

"Gerne, Biene! Für heute hätten wir es wieder einmal geschafft." Er streckte die Beine weit von sich und suchte ein wenig Entspannung von der anstregenden Tätigkeit. Es war nicht die Behandlung der Menschen. Es schien ihm eher, als nähme er ihre Lasten auf seine Schultern und während sie erleichtert und befreit das Haus verließen, saß Theo hier und fühlte, dass an der Welt irgendetwas nicht stimmte, was sich leider nicht ändern ließ. Das war wohl das Schlimmste. Er konnte vielleicht die Patienten heilen, aber die kranke Welt hatte es viel nötiger. Und gegen die Krankheiten der Zivilisation war er machtlos. 

Biene schob ihm einen Becher Kaffee über den Schreibtisch. 

"Ich würde gleich gerne mit Ihnen was essen gehen, wenn Sie nichts vorhaben. Sonst bekommen Sie womöglich heute nichts mehr, wenn Sie so müde sind." 

"Ich zieh den Kittel aus und dann verschwinden wir. Pizzeria?", fragte Theo, der ganz froh war, dass Biene ihn zu einem gemeinsamen Essen animiert hatte. 

Biene schloss die Tür auf und ließ dem Doc den Vortritt. Die beiden staunten nicht schlecht, als sie in den Flur traten. Eine Menschenkette stand Spalier auf den Stufen bis ins Erdgeschoss. die ersten fünf hielten große Blätter mit einzelnen Lettern hoch, auf denen Theo das Wort DANKE las. Dahinter folgten weitere, die ihm hübsch verpackte Kleinigkeiten entgegenstreckten und ihm im Vorübergehen die Hand schüttelten. Eine Tüte mit Gebäck, ein Flachmann mit Cognac aus dem Supermarkt, ein selbst gemaltes Bild von dem Kleinen mit dem Mumps, einen gebastelten Strohstern, ein abgegriffenes Krimi-Taschenbuch, vielgelesen und vermutlich das einzige Buch, das der Geber bisher besessen hatte, einen dieser bunten Wandersteine, die man in den Städten aussetzte. Theos Arme konnten gar nicht alles fassen, was ihm da entgegengehalten wurde und so gab er es an Biene weiter, bis er das Ende der Treppe und der Menschenkette erreicht hatte. 

Die Menschen, so aufgeregt sie zuvor im Wartebereich gewesen waren, blieben stumm, blickten Theo aber alle freundlich an und lächelten oder nickten ihm zu. Es war schließlich mit dem einen Wort alles gesagt. 

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Kommentare: 2
  • #2

    Geli (Sonntag, 08 Dezember 2019 16:07)

    Mehr ein Märchen, aber trotzdem eine hoffnungsfrohe Geschichte.
    Danke sind nur fünf Buchstaben und sie können, wenn sie ehrlich gemeint sind, so viel ausdrücken.
    LG Geli

  • #1

    Enya (Sonntag, 08 Dezember 2019 09:37)

    Es ist ja leider oft so, dass Obdachlose ihr Recht auf Krankenversicherung nicht in Anspruch nehmen, sie müsssten dazu Sozialhilfe beantragen, was sie selten machen. Manche nutzen die "niedrigschwelligen Hilfen", ich kenne das hier aus meiner Stadt.
    Aber dennoch ist es so wichtig, dass es Menschen wie Theo gibt.
    Es ist natürlich wundervoll, wie seine Patienten in der Geschichte reagieren. Kann man sich einen schöneren Dank vorstellen? Sicher nicht.

    Eine Geschichte, die anrührt und auch nachdenklich stimmt. Viel zu selten macht man sich Gedanken über jene, die aus dem "normalen" Leben gefallen sind.

    Einen schönen 2. Adventsonntag und liebe Grüße
    Enya