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Selbstverständlich gibt es mit der "Blick-ins-Buch-Funktion" eine Leseprobe. Also auf ins magische Schottland!

Aufrecht gehn, den Himmel sehn

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16. Dezember

Die Heilige Adelheid, deutsche Kaiserin, Klostergründerin

Von edlem Wesen (althochdt.)

 

* um 931 in Burgund in Frankreich

† 16. Dezember 999 in Seltz im Elsass in Frankreich

 

Adelheid, Tochter König Rudolfs II. von Burgund und Berthas von Schwaben heiratete König Lothar II. von Niederburgund und Italien. Nachdem ihr Mann vergiftet wird, soll sie die Frau des Adalbert von Ivrea werden. Ihre Weigerung führt dazu, dass sie vom Nachfolger ihres Mannes gefangen gehalten und misshandelt wird. Ein priester befreit sie und sie lebt mit der Tochter im Wald, bis Alberto Uzzo sie auf sein Schloss in Canossa holt. 951 vermählt sie sich mit dem Deutschen Kaiser Otto I. und kehrte an seiner Seite nach Deutschland zurück. Nach Problemen mit der Frau Ottos des II. geht sie nach Burgund zurück und gründet mehrere Klöster. 

Adelheid zog sich wieder nach Burgund zurück und gründete in der Folge mehrere Klöster. Für den Enkel Otto III. übernimmt sie noch einmal die Regierungsgeschäfte, bis er alt genug ist. Ihren Lebensabend  verbringt sie in dem 996 von ihr gegründeten benediktinischen Doppelkloster  in Seltz/Elsass.

 

Oben lesen wir von der Heiligen Adelheid, die noch im damals vermutlich hohen Alter sehr segensreich wirkte. In meiner Geschichte geht es auch um das Alter. Um die Beschwernisse, die es für den Betroffenen und seine Angehörigen mit sich bringt, wenn man seine Erinnerungen verliert und doch auch um die Lichtblicke, die sich unerwartet ergeben können.

Die letzte Gelegenheit

 

     Auf dem Flohmarkt war es unerträglich. Die Sonne brannte vom Himmel herunter, während die Betreiber der Stände versuchten, alles an Mann oder Frau zu bringen, was sich bis dato erfolgreich in den hintersten Ecken des Dachbodens verborgen gehalten hatte. War man noch am Morgen froh über das Atlantikhoch, wurde es verteufelt, als das Thermometer um die Mittagszeit die 30-Grad-Marke überschritt.

 

     Es gab alljährlich diese eine Gelegenheit, sich von altvertrautem und überflüssigem Zeug zu trennen. Dass  mancher darauf spekulierte, mit gefülltem Portemonnaie nach Hause zurückzukehren oder sich ein Schnäppchen erhoffte, war klar. Oft endet es anders herum. Der Händler hatte sich umsonst die Beine in den Bauch gestanden und der Kunde ein vermeintlich antikes Stück überteuert erworben. Der „Made in Japan“-Stempel auf der Rückseite war ohne Lesebrille nicht zu entziffern gewesen. Beide Seiten verbuchten das in der Regel unter dem Punkt Lebenserfahrung. Von einem neuerlichen Besuch des Flohmarktes im darauffolgenden Jahr hielt es niemanden ab.

 

     Jennifer schlenderte, erschöpft von der Hitze, an den Tapeziertischen entlang. Ihre Augen huschten zwischen den Auslagen und dem schmalen Weg hin und her. Fast wäre sie ins Stolpern geraten. Sie grinste. Unter einem der Tische hielt sich eine Händlerin verborgen. Mangels Schirm war es ihr dahinter zu warm geworden und sie hatte den Schatten gesucht.

 

     Interessiert trat Jennifer einen Schritt näher, froh, nicht über die Füße der Frau gestolpert zu sein. Die wand sich unter der Tischplatte hervor und lächelte Jennifer einladend an.
Jennifer nahm eine winzige Porzellanfigur zur Hand und hielt sie ins Licht, um die Bemalung betrachten zu können. Sie schien antik zu sein, passte aber nicht in ihr Beuteschema. Sie stellte das Stück  auf den Tisch zurück und ihr Blick blieb an einer alten, zerkratzten Puppe hängen.

Julia. Jennifer hielt den Atem an. Diese Puppe sah aus wie Julia, die Begleiterin ihrer Kinderzeit. Zu alt, um mit Puppen zu spielen, hatte Jennifer sie einst verloren. Die Erinnerung an den Verlust schnürte ihr die Kehle zu. Zögerlich streckte sie die Hand aus und nahm das Spielzeug auf.
     Sie strich der Puppe über das harte, braune Kunsthaar, das schlecht frisiert in alle Richtungen stand. Die Knoten darin hatten Jahrzehnte auf dem Buckel. Ihr Finger berührte sanft die Stupsnase, deren Oberfläche voller Staub war, der sich in das Zelluloid eingebrannt hatte, wie Ruß in einen schmutzigen Kamin. Die Augen bewegten sich mit jeder Drehung des Puppenkörpers. Es war an der Zeit, die Frage zu stellen, die zwangsläufig gestellt werden musste:
     „Was kostet die?“ Jennifer gab sich betont desinteressiert, als wolle sie lediglich Erkundigungen einziehen, was eine solche Puppe auf dem Markt einbrachte. Ihr Kaufinteresse versuchte sie zu verschleiern.
     „170,- Euro. Sie ist mindestens fünfzig Jahre alt und die Mechanik der Augen funktioniert einwandfrei. Auf der Rückseite ist ein Stempel des Herstellers. Das können Sie gerne überprüfen. Keine billige Kopie aus Taiwan.“ Schnell hatte die Händlerin alles aufgezählt, was ihr an Qualitätsmerkmalen in den Sinn kam.

 

     Jennifer ging etwas ganz anderes im Kopf herum. Wusste sie noch, wann sie die Puppe zuletzt  in der Hand gehalten hatte? Erinnerte sie sich an den Moment, als ihr der Verlust Julias klar wurde? Warum hatte sie nicht nach ihr  gesucht, obwohl Julia stetige Begleiterin vieler Kindertage gewesen war?
     „Was machst du für ein Gewese um die alte Puppe?“, hatte ihr Vater die Fünfzehnjährige nach dem Umzug gefragt. Die ganze Familie war aus dem LKW geklettert, der ihr Hab und Gut in das 300 km entfernte Örtchen gebracht hatte, in dem sie an jetzt wohnen sollten.
     „Das war Julia, nicht irgendeine alte Puppe und du hast sie nicht eingepackt!“ Jennifer erinnerte sich, dass sie Tränen in den Augen gehabt hatte, als sie dem Vater diese Vorwürfe machte. Ihre Schwester stand hinter ihr und grinste. Sie war drei Jahre älter. Mit achtzehn hatte man anderes im Kopf als den Verlust der eigenen Kindheit durch eine abgeliebte Puppe. Im Gegenteil – man versuchte, all ihre Relikte schnellstmöglich loszuwerden, die wie zähes Kaugummi an den eigenen Turnschuhsohlen klebten. Der Vater hatte Jennifers Traurigkeit gespürt und sie ernst genommen.

     „Sie muss noch auf der Straße sitzen, bei den Sachen, die ich für den Sperrmüll da gelassen habe. Ich rufe gleich bei Frau Neumann aus dem Erdgeschoss an, damit sie deine Julia reinholt, ok? Wir können sie per Post nachsenden lassen.“
     Damit hatte Jennifer sich zufrieden gegeben. Und da Frau Neumann die Puppe vielleicht hereingeholt, aber nicht auf die Reise geschickt hatte, war Julia  in Vergessenheit geraten. Es gab viel Neues zu entdecken. Jennifer war vollauf damit beschäftigt, die Umgebung und die Jugendlichen ihres Alters kennenzulernen. Sie wusste bis heute nicht, ob Frau Neumann sich um Julia gekümmert, oder ihr Vater den Anruf bei der Nachbarin vergessen hatte. Heute konnte sie die Eltern nicht mehr fragen. Der Vater war vor fünf Jahren verstorben, die Mutter lebte seit Monaten in einem Pflegeheim. Aufgrund einer schnell fortschreitenden Demenz erinnerte sie bedauerlicherweise nicht einmal die Namen ihrer Töchter. Und wer ahnte schon, was mit Frau Neumann geschehen war. Falls sie noch lebte, musste sie an die achtzig Jahre sein.


     All diese Gedanken durchfuhren Jennifer, während sie der Puppe pflichtschuldigst das Kleid öffnete, um die erwähnte Herstellermarke zu kontrollieren. Auf Julias Rücken hatte Jennifers Name gestanden. Den hatte Mutter mit einem wasserfesten Stift geschrieben, als Jennifer noch nicht schreiben konnte. Der kleine, weiße Hemdknopf des Puppenkleides auf der Rückseite hakte, als Jennifer ungeduldig daran zog. Als das Oberteil sich öffnete, vergaß Jennifer Luft zu holen.

     „Jennifer Kruse“ stand dort in der Handschrift ihrer Mutter auf der stockfleckigen Baumwolle des Puppenkörpers. Jennifer schluckte und zwang sich, der Frau bestätigend zuzunicken. Sie schloss das Kleid und setzte das Spielzeug auf den Tisch zurück. Jetzt hieß es, ein professionelles Pokerface aufzusetzen. 170,- Euro sprengten ihr Budget. Sie wandte sich ab und machte ein paar Schritte zum Nachbartisch hin, als sei ihr Interesse erloschen.
     „150,-?“, rief ihr die Händlerin hinterher. Vielleicht hatte sie bei der Hitze noch nichts verkauft. Jennifer drehte sich nicht um und schüttelte den Kopf. Von 150,- Euro konnte sie zwei Wochen leben. Sie konnte nicht hinsehen. Sie spürte, dass die Puppe sie mit den Augen verfolgte. Die junge Frau hinter dem Tapeziertisch blieb hartnäckig.
     „120,- Euro?“ rief sie jetzt. Jennifer blieb stehen. Sie überlegte, wie viel ihr die Kindheitserinnerungen wert waren, von denen die andere nichts wusste. Sie hob den Fuß zum nächsten Schritt.
     „110,-, aber das ist mein letztes Angebot.“

     Jennifer wusste nicht, warum die Frau ihr die Puppe verkaufen wollte. Es war die letzte Gelegenheit, Julia zurückzubekommen. Sie wandte sich um, inzwischen ein paar Tische weiter entfernt.
     „Okay, das Angebot gilt.“ Jennifer kehrte an den Tisch zurück und streckte der Händlerin drei Scheine entgegen. Diese Woche würde es Pasta geben. Die Frau nahm das Geld entgegen und stopfte die Puppe kopfüber in eine Tüte. Als sie Jennifers missbilligende Blicke spürte, nahm sie Julia heraus und drückte sie in Jennifers Arme. Die konnte sich nur mühsam zurückhalten, die Puppe nicht zu umarmen.
     „Danke, und gute Geschäfte noch.“ Mehr sagte sie nicht, als sie von kindlich anmutenden Glücksgefühlen beherrscht, den Weg hinunterging. Was mochte Julia in den letzten dreißig Jahren erlebt haben? Durch wie viele Hände war sie gegangen, bevor sie den Weg zu Jennifer zurück gefunden hatte?

 

     Ein Impuls trieb Jennifer, den Markt zu verlassen. Das Portemonnaie war ohnehin leer und sie verspürte das heftige Bedürfnis, ihre Mutter zu besuchen. Das Heim war nicht weit entfernt.
Als Jennifer den großen Raum betrat, in dem die Bewohner ihre Zeit gemeinsam verbrachten, entdeckte sie die Mutter an einem kleinen Vierertisch. Neben ihr stand eine Pflegerin und hielt ihr ein Glas mit Wasser hin. Plötzlich leuchteten die Augen der alten Dame auf, die zuvor noch teilnahmslos auf den Flur hinaus gestarrt hatten.
     „Schwester, darf ich vorstellen. Das sind Jennifer, meine jüngste Tochter, und ihre Puppe Julia. Die zwei sind seit Jahren unzertrennlich.“ Sie lächelte glücklich zu Jennifer hinauf.
     „Stimmt Mama, das ist Julia und ich bin Jennifer. Schön, dich zu sehen!“ Sie schluckte schwer an dem Kloß in ihrem Hals und wandte sich sekundenlang ab. Aber eigentlich war sie in diesem Moment überglücklich.

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Kommentare: 1
  • #1

    Enya (Montag, 16 Dezember 2019 09:30)

    Eine bezaubernde, anrührende Geschichte.
    Nachvollziehbar, dass Jennifer glücklich ist, zumindest an diesem Tag. Und Julia wird ihr sicher helfen, schwerere Tage zu überstehen.
    Die Mutter im Pflegeheim, dement, sicher erkennt sie ihre Tochter nur selten. Für die Betroffenen sehr traurig, schwer auszuhalten. Leider gibt es für die meisten keine "Julia", die für Momente Licht in das Dunkle lässt. So schön, diese Momente auch sind, sie schüren immer wieder die Hoffnung ... die sich dann ja nicht bewahrheitet.