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Aufrecht gehn, den Himmel sehn

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14. Dezember

Der Heilige Johannes vom Kreuz, Prior, Mystiker, Kirchenlehrer

Gott ist gnä­dig (hebr.)

 

* 24. Juni (?) 1542 in Fon­ti­ve­r­os bei Ávila/Spa­ni­en

14. De­zem­ber 1591 in Úbeda/Spa­ni­en

Johannes wuchs, obwohl von edler Abstammung, mit der verwitweten Mutter in armen Verhältnissen auf. Er kann lange nicht lesen und schreiben, arbeitet als Pfleger in einem Krankenhaus. Seit er 17 ist, besucht er das Jesuitenkolleg, schließt sich später den Karmelitern an und studiert dort Philosophie und Theologie. Während des Noviziats dichtet er Marienlieder, die heute nicht mehr auffindbar sind. 

 

Seine heimliche Fähigkeit der charismatischen Seelenführung macht ihn als Johannes vom Kreuz berühmt, was er zu verbergen versucht. Er gilt als Kirchenlehrer, Wundertäter und Mystiker. Seine mehrfach überarbeiteten Schriften verbirgt er. Sie werden erst nach seinem Tode veröffentlicht. 

Sein bekanntestes Werk trägt den Titel: Noche oscura del alma, die dunkle Nacht der Seele und der im Gefängnis entstandene Cántico espiritual.

Heute möchte ich Ihnen Rosemarie vorstellen. Rosemarie, die, anders als der Heilige Johannes vom Kreuz, keine Chance hat, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Und auch in unseren Tagen gibt es viele Rosemaries. Wenn wir einer begegnen, könnten wir ein Wort mit ihr reden. Oft entsteht diese Form der Abkehr von der Gesellschaft auch daraus, dass der Betroffene denkt, er werde von niemandem gesehen. 

Rosemaries Flucht

 

     Rosemarie sah sich gehetzt um. Niemand stand hinter ihr, doch sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie verfolgt wurde. Oder war es die sprichwörtliche Angst, die ihr im Nacken saß? Ihr Blick scannte die Umgebung. Nichts. Die Blätter der Büsche rauschten leise im Wind, der Schatten einer großen Wolke glitt über die Rasenfläche des Parks. Sie hielt die Luft an, um zu erkennen, ob das Geräusch aus ihr selbst kam.

Langsam setzte sie einen Fuß vor den anderen. Ihre Hand umklammerte die Tasche, als wären darin Reichtümer verborgen. Rosemarie besaß so gut wie nichts. Gerade die Kleider, die sie am Leib trug, gehörten ihr. Ok, das war jetzt übertrieben, doch großzügig war das Leben bisher nicht mit ihr umgesprungen.

 

     Sie durchquerte den Park, und lauerte auf etwas, das sie nicht benennen konnte. Im Zehn-Sekunden-Takt unterbrach sie ihre hastigen Schritte und blickte zurück auf den gähnend leeren Weg. Als sie ihre Wohnung erreichte, öffnete sie die Tür mit zitternden Fingern. Mit Mühe konnte sie den Schlüssel ruhig genug halten, um das Schlüsselloch zu treffen. Sie presste den Körper gegen die Tür und schlüpfte durch einen winzigen Spalt, der sich ihr eröffnete.

 

     Die Tür fiel ins Schloss und hektisch drehte Rosemarie den Schlüssel um. Alles musste draußen bleiben. Alles, wovor sie sich ängstigte, was sie belastete und verfolgte. Ihr Leben fand hier drin statt. Hier war sie in Sicherheit. Dort draußen jagte man sie. Nie wusste sie, wann die Jäger einen Schritt schneller sein würden, als sie.

 

Rosemarie trat an den kleinen Vogelkäfig, der vor dem Fenster der Sozialwohnung baumelte. Wie jeden Abend öffnete sie die Tür und nahm die Futternäpfe heraus. Obwohl sie bis an den Rand gefüllt waren, leerte sie sie aus und füllte Wasser und Körnerfutter nach.

     „Pieps“, zwitscherte sie mit heller Stimme. „Nun komm, du musst doch Hunger haben. Feine Körner habe ich dir gebracht. Heute solltest du endlich fressen.“ Am Käfigboden lag ein fedriges Etwas am Boden und rührte sich nicht. Vorsichtig strich sie mit ihrem Finger darüber.

     „Wenn du jetzt frisst, geht es dir morgen besser!“ Sie schloss die Käfigtür.

     Rosemarie trat ans Fenster und sah aufmerksam hinaus. Draußen wurde es bereits dämmrig. Sie hatte das Licht nicht eingeschaltet. Nicht auszudenken, wenn jeder zu ihr hineinsehen konnte, für den Fall, dass die anderen sie von dort hinten beobachteten. Wenn sie die Vor-hänge zuzog, könnte sie nicht mehr sehen, wer sich ihr näherte. Also: Kein Licht, wie immer.

     Sie trat an die Küchenzeile. Dort stapelten sich Berge von Ravioli-Konserven. Zwei waren ungeöffnet. Siebenundzwanzig weitere lagen dort aufgetürmt, die Saucenreste darin in unterschiedlichen Stadien, von dicken roten und angetrockneten Brocken, bis hin zu kleinen Seen, mit weißem Schimmelpelz überzogen. Rosemarie konnte sie nicht fortwerfen. Sie musste die Tage des Monats an ihnen abzählen. Sie waren ihr Kalender. Und zählen, das konnte sie gut. Das war ihre Lieblingsbeschäftigung gewesen, schon als sie klein war. Da hatte sie alles gezählt: Autos, Treppenstufen, Häuser, Menschen. Heute zählte sie Konservendosen.

     Der Raviolimonat war bald vorbei. Es folgte der Erbsensuppenmonat. Alles war genau festgelegt. Nach der Hühnersuppe kam vier Wochen später der serbische Bohneneintopf und so weiter. Ihr Kopf kannte die Abfolge und die Anzahl der täglichen Mahlzeiten. Eine Dose für einen Tag. Morgens, mittags und abends Ravioli. Je zehn zum Frühstück und zum Mittagessen, am Abend den Rest. Wenn Rosemarie Glück hatte, waren es am Abend zwölf Ravioli. Wenn der Supermarkt mitspielte.

Falls am Ersten die Dosen nicht da waren, die sie von ihrem abgezählten Geld kaufen wollte, wurde sie sauer. Bekam einen Anfall. Das alles war ein abgekartetes Spiel gegen sie. Dann musste Rosemarie sich einen neuen Supermarkt suchen. Man mochte keine Querulanten, erteilte ihr Hausverbot. Sie gingen hinter ihr her, kontrollierten, wo sie den Vorrat für vier lange Wochen mit dem Einkaufswagen hin rollte. Den hatte sie mit einem Euro teuer genug bezahlt. Da durfte sie ihn mit nach Hause nehmen. Beim letzten hatte „Spar“ auf dem Griff gestanden. Die hatten Ideen. Was glaubten die, was sie hier die ganze Zeit tat. Sie hatte nichts zu verschwenden oder zu verschenken. Nicht einmal Zeit.

 

     Rosemarie brauchte jede Minute, jede Sekunde. Häufig zählte sie nach, ob die Anzahl der Sekunden pro Minute korrekt ablief, während der Zeiger über das Zifferblatt ihrer Uhr huschte. Da konnte sie nicht großzügig sein. Heute betrog der Zeiger sie nicht.

 

Sie schrak zusammen. Ein unbekanntes Geräusch. Jemand klopfte an ihre Tür. Rief laut einen Namen.

     „Frau Klimt, machen Sie auf. Ich weiß, dass Sie zuhause sind. Das hilft Ihnen alles nichts. Ich habe eine Räumungsklage. Ich hole die Polizei, wenn Sie nicht öffnen. Ich bin mit meiner Geduld am Ende.“

 

     Rosemarie Klimt ließ sich auf den Boden herabsinken. Sie machte sich klein, presste die Hände fest auf die Ohrmuscheln, um den Rufer auszusperren. Ihr Kopf klemmte zwischen ihren Schenkeln. Wenn sie sich geschickt genug anstellte, würde man sie nicht entdecken. Wenn sie das Klopfen nicht hören konnte, war da niemand an ihrer Tür. Das hatte bisher funktioniert. Rosemarie konnte den Reflex, aufzuspringen und fortzulaufen mühsam unterdrücken. Sie wollte nicht reden, nicht sagen, warum sie die Miete nicht gezahlt hatte – schon seit dem Monat mit der Gulaschsuppe nicht mehr. Es würde ihr keiner zuhören. Sie kannte das. Alle waren so. Alle, außer dem Kanarienvogel.

Der war seit Wochen still, seit er das letzte Mal so laut gezwitschert hatte. Sie hatte gesagt:

     „Halt den Schnabel!“

Er wollte nicht hören. Seitdem schmollte er zwar und fraß nicht, ansonsten war er ruhig. Wunderbar ruhig.

Als ein Dietrich in das Türschloss fuhr, hatte sie jeden Gedanken an sich selbst ausgeschaltet. Hatte einfach die Luft angehalten.

Wer nicht atmet, der ist tot. Wer tot ist, kann nicht aus der Wohnung ausgewiesen werden.

     So flüchtete Rosemarie aus ihrem Leben, ohne Gegenwehr.

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Kommentare: 3
  • #3

    Geli (Samstag, 14 Dezember 2019 23:32)

    Flucht vor dem eigenen Leben. Diese Geschichte hat mich sehr erschüttert. Was für ein armes Leben, niemand bemerkt Rosemarie, sie ist ganz allein. Diese Geschichte regt wirklich zum Nachdenken an, das ist kein leerer Satz. LG Geli

  • #2

    Sabrina Blex (Samstag, 14 Dezember 2019 19:03)

    Sehr schön geschrieben, auch wenn diese Geschichte
    "Mich jedenfalls''zum nachdenken anregt.
    Denn ganz ehrlich; es ist doch echt traurig,in was für einer teilweisen"
    Kalten Weld wir heute leben..!!!
    Es gibt leider viel zu viele Menschen, denen es genauso geht wie Rosemarie.!!

    Doch kaum jemand,kann solche Verhaltensweisen wie Rosemarie sie,in dieser Geschichte zeigt verstehen...
    Weil fast niemand, mal darüber nach denkt"warum
    Menschen, wie in dieser Geschichte Rosemarie überhaubt so handeln und wirklich täglich so/bzw. damit leben...
    Da in der heutigen Weld,leider fast alle
    nur noch darüber nachdenken, wie es einen selbst geht...
    Ich schreibe bewusst fast alle..!!!!

  • #1

    Enya (Samstag, 14 Dezember 2019 10:52)

    Sehr eindringlich, atmosphärisch dicht, aber bedrückend.
    Menschen wie Rosemarie werden tatsächlich meist nicht gesehen.
    Es ist sicher auch schwer, sie anzusprechen, denn die Angst wird jedes Vertrauen zunichte machen. Es dürfte gar nicht so weit kommen.

    Eine sehr intensive Geschichte, die nachdenklich macht und nachhallt.

    Einen schönen dritten Advent
    Enya