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Auch alle E-Book-Leser können  "Das Feentuch" herunterladen.:  

Selbstverständlich gibt es mit der "Blick-ins-Buch-Funktion" eine Leseprobe. Also auf ins magische Schottland!

Aufrecht gehn, den Himmel sehn

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10. Dezember

Die Heilige Eulalia von Mérida - spanische Märtyrerin

Die gut Re­den­de (griech.)

 

* 292 in Mé­ri­da in Spa­ni­en

† 10. De­zem­ber 304 (?) da­selbst

 

Eulalia wuchs als Tochter einer gut situierten christlichen Familie auf einem Landgut auf, dass sie heimlich verließ, um vor dem römischen Statthalter gegen die Christenverfolgung zu protestieren. Man riss ihr die Kleider vom Leib und verbrannte sie nach der Folter lebendig in einem Backofen.

Nach einer Legende verließ die Seele den verbrannten Körper durch den Mund der Sterbenden und flog zum Himmel auf.

 

Die folgende Geschichte ist einfach eine Art Zustandsbeschrei-bung. Sie will das Geschehen nicht werten,  sondern uns zum Mitfühlenden machen. Der Name der heiligen Eulalia in seiner Bedeutung passt gut zur Geschichte, denn die Sprache ist das, was unserer heutigen Protagonistin fehlt. 

Wir sollen nicht die Position des Beobachters einnehmen, sondern Gelegenheit haben, zu erspüren, was einem Menschen zwischen Himmel und Erde emotional geschehen kann.

Auch das ist Advent.

Frau Kowalski aus dem 11. Stock

 

     Es war verdammt frisch hier oben. Ilse Kowalski hatte sich nah an das Geländer rollen lassen und blickte gelangweilt hinunter. Seit drei Jahren hockte sie hier und sah von oben zu, wie unten das Leben ohne sie weiterging. Ein Schlaganfall – für eine alleinstehende Frau ihres Alters oft das Todesurteil, aber leider hatte man sie zu früh gefunden.

     Was das bedeutete? Sie wurde von den Ärzten gezwungen, in ihrem Körper eingesperrt darauf zu warten, dass sie endlich abtreten  durfte. War man ehrlich, konnte das niemand wollen: Im Rollstuhl sitzend zu erdulden, dass ein anderer für dich Hand anlegte beim Waschen, beim Essen, beim Kämmen – wobei auch immer. Ilse Kowalski war nicht mehr in der Lage, sich selbst zu helfen.

     Täglich bekam sie zu hören, sie habe doch Glück gehabt, dass man sie fand. Dabei wusste Ilse, genau das machte ihr Problem aus. Morgens, bevor die Tochter zum Unterricht fuhr, kam die Pflegerin und es dauerte nie lange, bis sie Folgendes hörte:

       „Getz gehn wer ma schön auffm Balkon, wat, Frau Kowalski. Da könn se wenigstens runterkucken, während ich hier saubermach.“ Dabei war es zuweilen unerheblich, welche Witterung herrschte. Schließlich bekam Frau Kowalski ja eine Decke über die Knie gelegt. Das würde reichen.

     Warum Frau Kowalski das klaglos hinnahm? Oh, sie hätte sich lautstark beschwert, wäre sie dazu in der Lage gewesen. Mit dem Schlaganfall aber war ihr die Ausdrucksfähigkeit vollkommen entglitten. Sie war dazu verdonnert, in Hitze und Kälte unablässig in die Straßenschlucht tief unter sich zu sehen, bis die Wohnung sauber genug war und man sie wieder ins Innere des Appartements ließ.

     In ihrem Kopf verknüpften sich noch immer Buchstaben zu Wörtern und diese zu Sätzen, doch nichts davon verließ ihren Mund. Und sie malte sich aus, was da unten vor sich ging, nur um nicht versehentlich aus Langeweile oder der unwirtlichen Temperaturen wegen zu sterben. Das wäre dann auch Frau Kowalski zu einfach gewesen.

Heute hatte es geschneit. Das Geländer war eiskalt und sie musste Acht geben, nicht daran festzufrieren. Nur mit der linken Hand war sie noch im Stande, sich ein wenig näher heranzuziehen, damit sie überhaupt zwischen den Streben hindurchsehen konnte. Aber was gab es dort schon zu sehen? Matschig graues Pflaster, bedeckt von Schneegriesel. Die Reifen durchfahrender Radfahrer hatten dafür gesorgt, dass ein schwarzes Schlangenmuster durch die Schneedecke mäanderte.  Aber die waren schon längst woanders. Die Straße war menschenleer, so leer wie Frau Kowalskis Herz hier oben im elften Stock, von wo aus sie auf beschneite Grundrisse der flacheren Bebauung sah, die den Wohnturm umgab, auf dem sie wie einst Rapunzel hockte und auf einen Retter wartete. Der würde nicht kommen. Sie konnte ja auch nicht rufen. Und wenn sie es gekonnt hätte, worum hätte sie gebeten? Dass sie im Winter ins Warme durfte und im Sommer aus der Hitze der Sonne geholt würde? Wer würde ihr glauben, könnte sie erzählen, dass es täglich hieß: „Getz gehn wer ma schön auffm Balkon, wat, Frau Kowalski“?

     Ilse Kowalski kannte nur einen Ausweg aus der Misere und der war imaginär: Sie träumte sich fort, dorthin, wo ihr Zuhause gewesen war. Wo sie in altersschlaflosen Nächten auf dem Bett liegend in den dunkelblauen Himmel sah. Manchmal stand dort der Mond und wanderte während der Nacht bis in das mittlere blaue Viereck, das Ilse Kowalski ihr „Auge in die Nacht“ nannte. Damals hatte sie entschieden, nicht reden zu wollen. Nicht umsonst lebte sie allein. Heute war ihr Los das Nicht-reden-können. Sie teilte das Leben von Pflegerin und Tochter, hatte sich aber noch nie so allein gefühlt.

     Am Ende dieses Vormittags, kurz bevor sie wieder hinein geholt werden würde, vermisste Ilse Kowalski vor allem den Mond, den sie hier nie sah. Wenn es dunkel wurde, würde ihre Tochter die äußere Welt wie immer genervt aussperren. Nach sechs Stunden mit Hunderten von Kindern, kein Wunder. Und falls sie je mit der Mutter sprach, konnte die doch nur mit einem Nicken oder Kopfschütteln antworten.

     Unwillkürlich zog sich Ilse Kowalski näher an das Geländer. Was, wenn sie sich würde hinüberbeugen können? Der Gedanke kam so plötzlich, dass die alte Frau vor ihm zurückschrak. Und dann beschloss sie, es zu versuchen.

Unten rechts sah sie das rote Dach eines Kleinwagens. Das Viereck leuchtete wie eine willkommen geheißene Zielgerade nach einem langen Lauf. Ilse Kowalskis Kraft wuchs ins Unermessliche, besiegte die Lähmungserscheinungen ihrer Gliedmaßen. Als sie endlich dort stand – aufrecht, so wie früher – beugte sie sich vor und gab ihr ganzes Gewicht in die Waagschale. Ihr Körper balancierte auf der metallenen Stange, bis sich sein Gewicht zur Straßenflucht neigte.

 

Niemand sah sie fallen. Und kein Schrei aus ihrem Mund wurde laut. Sie traf das rote Viereck zielstrebig. Und in der Wohnung wurde noch geputzt.  

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Kommentare: 2
  • #2

    Sabrina Blex (Donnerstag, 12 Dezember 2019 12:32)

    Einem Seher schöne, aber auch traurige und nachdenkliche geschichte

  • #1

    Enya (Dienstag, 10 Dezember 2019 08:44)

    Eine sehr traurige und nachdenklich stimmende Geschichte, die sicher nachhallen wird. Das Hineinversetzen in die Emotionen von Frau Kowalski ist unendlich bedrückend.
    Ich möchte auch nicht werten. Einzig das Handeln der Umwelt (Pflegerin/Tochter) ist beschämend. So über die Bedürfnisse eines Menschen hinwegzusehen - auch wenn er sich nicht äußern kann - ist unmöglich.